Die HARTING Technologiegruppe aus Espelkamp steht beispielhaft für die Innovationskraft des so genannten deutschen Mittelstands. Seit mehr als 80 Jahren entwickelt HARTING Technologien für Menschen: zunächst elektrische Alltagsgegenstände wie Bügeleisen und Feueranzünder, seit langem nun industrielle Verbindungstechnik zur Übertragung von Signalen, Daten und Leistung. Innovation ist seit jeher Teil der eigenen unternehmerischen Verantwortung und Entwicklung. Heute beschäftigt das Unternehmen weltweit ca. 6.100 Mitarbeitende und treibt den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und anderen Technologien in der industriellen Produktentwicklung gezielt voran. Ein Beispiel ist die Plattform „Connectivity AI“, für die das Unternehmen mit dem „FREDDIE Industrial AI Award“ ausgezeichnet wurde. Mit der Plattform zeigt HARTING, wie sich KI, generatives Design und Simulation sinnvoll in Designprozesse integrieren lassen, um effizient neue Produktideen zu entwickeln.
Im Interview spricht Norbert Gemmeke, Senior Vice President Global Product Development, Project Management, Innovation, darüber, wie sich industrielle Tradition und technologische Innovationen verbinden lassen, welche Rolle KI für Industrie-Unternehmen spielt und welche Chancen sich für den Standort NRW durch die Digitalisierung der Industrie ergeben.
Seit mehr als 80 Jahren steht HARTING für technische Innovation und kontinuierliche Weiterentwicklung. Was treibt Sie persönlich an, in einem traditionsreichen Familienunternehmen immer wieder Neues zu entwickeln?
Genau dieses Spannungsfeld von Tradition und Vision ist ja das Besondere am deutschen Mittelstand. Hier entstanden schon immer Innovationen, weil die Unternehmen eben noch von Menschen und ihren Ideen geprägt sind. Das treibt meine Kolleginnen und Kollegen und auch mich an: Ideen einbringen können und dann sehen, was daraus wachsen kann. Das gilt für klassische Produktideen genauso wie für effiziente Prozesse oder intelligente Tools.
Mit „Connectivity AI“ hat HARTING eine KI-basierte Plattform entwickelt, die jüngst als „Game Changer“ ausgezeichnet wurde. Erzählen Sie uns doch bitte mehr über Connectivity AI: An welcher Stelle industrieller Entwicklungs- und Produktionsprozesse setzt die Lösung an?
Die Anwendung entstand aus der Idee, Kundenanforderungen noch schneller in Prototypen oder marktreife Produkte umsetzen zu können. Rein manuelle Spezifikations- und Designprozesse sind recht langwierig und durchlaufen zahlreiche Prüfschleifen. Je länger der Prozess dauert, desto fehleranfälliger wird er. Connectivity AI unterstützt unsere Produktmanager und Entwickler hier von Beginn an. So können die Ingenieure die technischen Anforderungen in natürlicher Sprache eingeben, dokumentieren und auch wiederverwenden. Die KI macht daraus Zeichnungen, 3D-Modelle und Simulationen. Und trainiert sich gewissermaßen gleichzeitig selbst. Die Ergebnisse sind natürlich sehr spezifisch für unseren Entwicklungsprozess und die Anforderungen unserer Kunden.
Connectivity AI steht beispielhaft für den technologischen Wandel bei HARTING. Welche weiteren technologischen Innovationen treiben Sie aktuell voran oder haben Sie hervorgebracht, um das Unternehmen kontinuierlich weiterzuentwickeln und zukunftsfähig zu halten?
Industrielle Verbindungstechnik muss gleichzeitig kompakt, robust, leistungsfähig und flexibel sein. Nur auf Basis von Standards können unterschiedliche Automatisierungsgeräte, Maschinen oder ganze Anlagen flexibel ausgerüstet und erweitert werden. Der modulare HARTING-Stecker Han® ist ohne Normung zu so einem Standard geworden. Steckverbinder für das Single Pair Ethernet (SPE) oder Batteriespeicher schaffen heute und in Zukunft durchgängige Anschlusskonzepte für unterschiedliche Automatisierungsbereiche der All Electric Society. So tragen unsere Innovationen in der Daten- und Leistungsübertragung dazu bei, das Zukunftsbild einer CO2-neutralen, elektrifizierten und digitalisierten Gesellschaft zu verwirklichen.
Der Standort NRW ist traditionell stark von der Industrie geprägt. Welche Chancen bietet das für Unternehmen wie HARTING, Zukunftstechnologien zu entwickeln?
Mit regionalen Kompetenznetzwerken wie it’s OWL, geförderten Exzellenzclustern wie PhenoRob2 sowie großen Universitäten und Hochschulstandorten wie Aachen, Köln oder Münster bietet NRW hervorragende strukturelle Rahmenbedingungen. Hinzu kommen große Unternehmen in traditionell starken Branchen wie Industrie und Chemie. So haben junge Menschen und Berufserfahrene in ganz unterschiedlichen Bereichen die Chance, Zukunftstechnologien mitzugestalten. Davon profitiert natürlich auch HARTING – sowohl beim Recruiting als auch in Forschung und Entwicklung.
